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Ausstellung Sex Now

Ist es Kunst oder nur Sex?

Diese berechtigte Frage steht mit blauem Edding auf die weißen Kacheln über dem Urinal im NRW Forum Düsseldorf. Ob diese Installation nun offizieller Teil der Ausstellung ist, oder lediglich zum Nachdenken anregender Vandalismus, ist bisher ungeklärt…

Wir waren auf der Sex Now, einer Ausstellung zu künstlerischen Arbeiten mit expliziten sexuellen Inhalten, die noch bis zum 3. Mai 2026 in besagtem Veranstaltungsort stattfindet. Neben dem eigentlichen künstlerischen Teil, wurden auch ein paar soziale und kulturelle Aspekte des Themas “Sex” betrachtet, mal mit Bildungsauftrag, mal eher informativ und mit einem Bereich zu #MeToo abermals bewusstseinsschaffend. Eigentlich ist es erschreckend und traurig, dass man zwischen Sexspielzeugen und Bildern von Genitalien auch Trillerpfeifen, Pfefferspray und Kubotan zeigen muss, weil sexualisierte Gewalt gegen Frauen immer noch ein eklatantes gesellschaftliches Problem darstellt, auf das man immer noch aufmerksam machen muss.

Und natürlich dürfen auch andere Aspekte von heutigem Sex und dem Umgang mit Sexualität kritisch betrachtet werden. Eine kleine Statistik zum Nutzungsverhalten von AI, eine Collage mit den Hintergründen von Streamerinnen und Camgirls oder - einer meiner Favoriten in der Ausstellung - eine dekonstruierte Sexpuppe. Aber die Trennung von Sex und Zwischenmenschlichkeit war auch nur ein kleiner Teil der Ausstellung. Ein großer Teil beschäftigte sich mit der Akzeptanz und positiven Auseinandersetzung des eigenen Körpers, der eigenen Sexualorgane. Gezeichnete Geschlechtsorgane, Skulpturen von Vulvas aus Glas und Fotos von alltäglichen Menschen waren allgegenwärtig.

Männliche Homosexualität fand einen vergleichsweise kleinen Anteil in der Ausstellung. Gerade mit der Nähe zu Köln und dem Christopher Street Day wäre hier mehr möglich gewesen. Gerade Aspekte wie Sportswear-Fetisch oder die Puppy-Bewegung hätten hier Potential gehabt. Immerhin war “Tom Of Finnland” sehr viel Raum geboten. Weibliche Homosexualität fand gar keine Darstellung. Dass der Anteil von Transsexualität eher beiläufig zwischen den Exponaten verteilt war, kann man hingegen als positiv bewerten; es ist mittlerweile so normal, dass man es nicht mehr in einer gesonderten Abteilung zur Schau stellen muss.

Dass der Bereich von Kink und Fetisch mit einem Andreaskreuz und ein paar Fesseln abgefrühstückt wurde, fand ich relativ dünn. Auch hier hätte man alleine mit einer kleinen Materialkunde durchaus mehr Look-and-Feel transportieren können. Dafür konnte man zwei Anal-Spielzeuge “begreifen”.

An anderer Stelle war Interaktivität noch wichtiger Bestandteil der Ausstellung. Angefangen mit einem Nachbau des Vibrationsbetts aus “The Sims”, auf dem man zum Selfiemachen eingeladen war, hin zu diversen Leseecken mit breiter Auswahl an Literatur. Mit VR-Brille konnte man 3D-Gerenderten Voyeurismus ausleben und der wohl banalste Trick war gleichsam der genialste: Mit Post-Its konnten die Besucher ihre Wünsche, Sehnsüchte oder Geständnisse anonym an eine Wand heften. Quasi eine selbstlaufende Installation, die neugierige Leser anzog. Manch überforderten, meist männlich und älteren Besucher, der mit dem Kunstfaktor nicht ganz warm wurde, wurde auch ein ruhiger Ort zum Verweilen in Form eines kleinen Pornokinos bereitgestellt, das mitunter einen Film der spanischen Erika Lust zeigte. Sicherlich auch künstlerischer, ästhetischer Porno, aber etwas zugänglicher als der Sex mit Farnen, der an anderer Stelle präsentiert wurde.

Dafür, dass die Ausstellung offen mit OnlyFans wirbt, gar einen eigenen Account unterhält, wurde das Thema digitaler Content aber doch relativ wenig direkt dargestellt. Auch im Bildungsauftrag rund um Printmagazine zu dem Thema waren eher die üblichen Verdächtigen um Playboy, Emma und Spiegel präsent; Penthouse, Hustler oder die Happy Weekend suchte man vergebens unter den Exponaten.

Auch die Ausstellung von Sex-Spielzeugen war eher der normale Standard, den man heute schon im DM erwerben kann, Amorelie sei dank. Ich hätte mir hier etwas mehr Fokus auf den Womanizer denn auf den klassischen Magic Wand gewünscht. Und mehr auf Botique-Hersteller wie Ivy Toys, Nothosaur oder ähnliches. Gerade die Geschichte von Sex-Toys haben andere Ausstellungen deutlich informativer und besser hinbekommen. Aber ich glaube, das war auch gar nicht der Anspruch von Sex Now, sondern eher ein kleiner Teilaspekt des großen Ganzen.

Die Besucher der Ausstellung waren angenehm heterogen. Von Menschen in unserem Alter, mit mal mehr und mal weniger offenkundigem Kulturinteresse hin zu vielen älteren Senioren, die wohl ihren Kulturpass ausgiebig nutzen. Doch gefühlt schien die Ausstellung gerade jüngere Besucher nicht so sehr abzuholen, die Gesichter waren eher gelangweilt und die Räumlichkeiten wurden relativ zügig durchstreift. Über die möglichen Ursachen kann ich nur mutmaßen.

Wir konnten uns auf jeden Fall lange auf der Ausstellung aufhalten und gerade den künstlerischen Aspekt genießen. Kleine Kritikpunkte sind durchaus drin, aber meine Frau bemerkte zu Recht: Sonst ist man ein solch modernes Ausstellungskonzept eher aus dem Ausland gewöhnt.