Das Eigene Social Network Im Fediverse
Dieser Beitrag wurde für meinen Bekanntenkreis geschrieben, die sich für das Thema digitale Unabhängigkeit interessieren. Natürlich erhebe ich an dieser Stelle keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern will erstmal einen groben Überblick und Denkanstöße geben.
Viele Leute sind genervt von den großen Social Media. Algorithmen füllen den Feed mit Werbung und KI-generierten Inhalten, Beiträge von Freunden und Bekannten sieht man hingegen kaum noch. Doch was viele Leute nicht wissen: Es gibt Alternativen. Dieser Beitrag soll grob das Fediverse und die Möglichkeiten dessen vorstellen.
Was ist das Fediverse?
Das Fediverse ist ein Netzwerk von unabhängigen, miteinander verbundenen Diensten. Im Prinzip funktioniert es wie Email: Man kann bei verschiedenen Anbietern sein, Gmail, GMX, Web.de, aber mit Nutzern von anderen Anbietern schreiben und von denen Mails empfangen.
Es gibt kein geschlossenes Silo, wie bei den großen Social Media Plattformen. Facebook-Nutzer können nur mit anderen Facebook-Nutzern schreiben, aber nicht mit Twitter/X- oder Reddit-Nutzern.
Dabei gibt es unterschiedliche Fediverse-Anwendungen mit unterschiedlichem Fokus. Dennoch können alle Instanzen untereinander Nachrichten austauschen.
Wie funktioniert das Fediverse?
Das Fediverse basiert auf dem sogenannten ActivityPub-Protokoll. Das ist ein offener Standard, der durch das W3C spezifiziert wird. Dieses Konsortium definiert unter anderem auch andere Standards wie HTML oder CSS. Jeder kann die Spezifikation lesen und eine eigene Anwendung darauf aufbauen.
Darum gibt es bereits eine ganze Reihe fertiger Applikationen, die man auch selber betreiben kann. Man ist also nicht darauf angewiesen, dass jemand einen Dienst bereitstellt, sondern kann sich eine eigene Instanz auf dem eigenen Server installieren. So entsteht ein großes Netzwerk an Anwendungen, die alle untereinander kommunizieren, aber auch in sich abgeschlossen funktionieren können.
Welche Fediverse-Anwendungen gibt es?
Das Fediverse bietet Anwendungen für viele Anwendungsfälle.
Microblogging
Das Format wurde wohl damals durch Twitter (heute wohl X) bekannt: Man schreibt kurze Status-Updates. Im Endeffekt das gleiche, wie die alltäglichen Beiträge auf Facebook, kurze Text-Nachrichten, die aber auch Bild-Anhänge haben können.
Das große Flag-Schiff im Fediverse ist sicherlich Mastodon als Anwendung wie auch als Dienst. Die Software betreibt unterschiedliche Dienste, unter anderem auch Punkstodon (ein Social Network für Punks) oder Metalhead.club (eine Community für Metal-Fans). Durch das Fediverse können aber die Punker auch mit den Metallern quatschen, ohne das sie sich einen Server teilen.
Mastodon ist aber nicht der einzige Mikroblogging-Dienst im Fediverse. Es gibt noch eine Reihe Alternativen wie Misskey, GoToSocial, etc., die für kleinere Communities oder auch als Heimat für einen einzelnen Account passender, weil ressourcenschonender, sind.
Medien
Wer eine Alternative zu Instagram sucht, findet diese in Pixelfed. Je nach Instanz sind die Richtlinien auch freundlicher gegenüber NSFW-Inhalten, als es der Bilderdienst von Meta ist.
Wer genug von Werbung auf Youtube hat, findet bei Peertube die Möglichkeit, seinen eigenen Videodienst zu betreiben.
Funkwhale ist ein soziales Netzwerk für Musik und Podcasts. Bookwyrm ist eine Community übers Lesen und für Rezensionen um Bücher.
Dank
ActivityPubkönnen aber auch Nutzer von Mastodon Nutzer von Pixelfed, Peertube oder Bookwyrm abonnieren und mit ihenn interagieren.
Diskussionsplattformen
Lemmy stellt eine Diskussionsplattform, ähnlich wie Reddit, im Fediverse dar.
Das Fediverse ist eine Alternative, kein Ersatz
Wenn man sich für das Fediverse entscheidet, muss einem leider klar sein: Es ist eine Alternative, kein Ersatz. Große Accounts, Influencer und auch die meisten Leute aus dem Freundes- und Bekanntenkreis werden sicherlich nicht hier sein. Die große Masse, und damit auch die große Reichweite, wird wohl auch auf absehbare Zeit durch Meta (Facebook, Instagram, Threads), Twitter (heute wohl X), Reddit und Tiktok gestellt.
Das Fediverse ist im Einstieg sicherlich auch sperrig. Erstmal den richtigen Dienst aussuchen (Mastodon, Pixelfed oder, oder, oder) und dann auch noch die passende Instanz auswählen. Dann muss man Leute finden, mit denen man interagieren will, und auch da kann das abonnieren mitunter etwas komplizierter sein. Oder generell das Auffinden von interessanten oder relevanten Inhalten. Das Internet kann hier Geschichten erzählen und gegebenenfalls Hilfestellungen bieten, wenn man danach sucht.
Für wen eignet sich das Fediverse?
Theoretisch ist das Fediverse eine gute Alternative für viele Leute:
- Leute, die wert auf Datenschutz legen und nicht alles an Big-Tech-Konzerne preisgeben wollen
- Leute, die ihren Feed nicht durch Algorithmen bestimmt haben wollen
- Leute, die in Nischencommunities unterwegs sein wollen, die abseits vom Mainstream funktionieren
- Leute, denen die Richtlinien der großen Netzwerke zu restriktiv sind, NSFW Inhalte konsumieren oder publizieren wollen, vielleicht als Sex-Worker unterwegs sind oder rechts-konservative Entwicklungen in den großen Netzwerken zu bedrohlich sehen.
- Leute, die Hoheit über ihre Daten haben wollen und selber ihre Instanz betreiben möchten
- Leute, die eine eigene Community aufbauen wollen, beispielsweise eine Mastodon-Instanz für ihre Musik-Szene oder eine kleine GoToSocial-Instanz für die Nachbarschaft
Dadurch, dass viele Anwendungen auch Apps für das Smartphone haben, und durch offene Protokolle auch alternative Apps existieren, hat man auch weiterhin den Komfort bekannter Social Media mit Web-Anwendung und mobiler Nutzbarkeit.
Wo fängt man am besten an?
Als erstes sollte man sich entscheiden, was man überhaupt probieren will. Microblogging oder Bilder teilen? Also Mastodon oder Pixelfed?
Anschließend kann man sich erstmal einen Account bei einer der großen Flagship-Instanzen mache und damit experimentieren. Vielleicht reicht das ja schon als Alternative zu den Big-Tech-Konzernen?
Wenn man merkt, dass man mehr haben mag oder mehr machen möchte, beispielsweise eine eigene Community erstellen, kann man immer noch schauen, wie man die Software der eigenen Wahl selber betreibt.