Song: Deathspell Omega - Wings of Predation
Musik war schon immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Und ich hatte schon immer das Bedürfnis die Musik zu teilen, die mich selber stark bewegt. Nachdem meine letzten Bestrebungen um Musikmagazine nun auch schon ein paar Jahre zurückliegen (und Musikjournalismus in Form von Reviews tot ist), will ich doch wieder einzelne Lieder gezielt vorstellen.
Deathspell Omega sind eine kontroverse Band. An dieser Stelle mag ich gar nicht auf die Hintergründe um die Band eingehen und gebe offen zu: Ich kann gut zwischen Kunst und Künstler trennen, solange die Musik eben keinen Bullshit vermittelt. Und da ich sehr gerne Black Metal höre, muss ich gar diese Trennung vornehmen, weil sonst jedes Album ein potentielles Topfschlagen im Minenfeld wäre; schlussendlich hat in dieser Szene fast jede Band mal auf dem falschen Label veröffentlicht, im falschen Nebenprojekt gespielt oder schlicht auf einem Konzert mit einem falschen Menschen gesprochen. Damit ich aber nicht falsch verstanden werde: NSBM geht gar nicht, egal wie gut es musikalisch auch sei; das ist eine Grenze, wo Kunst und Künstler untrennbar ist.
Wenn man ganz objektiv an “Wings Of Predation” herangeht, ist der Song ein kompositorisch unglaublich gutes Meisterwerk. Der Auftakt ist furios. Ohne Umwege geht es direkt in wildes und furioses Klanggewitter, offene, dissonante Akkorde untermalen eine ziemlich unheilvolle Stimmung. Die Gesangslinie steht abseits der Musik. Fragmentarische Wörter stehen alleine, und dennoch bilden Gesang und Musik eine brachiale Einheit.
Nach etwa einer halben Minute erscheint ein Klimax erreicht. Die Stakkatos und disharmonischen Spannungsbögen steigern sich, der Song baut eine Kakophonie auf, die nach einer harmonischen Auflösung schreit - die dem Hörer aber nicht vergönnt ist. Noch nicht. Stattdessen geht der chaotische Ritt erstmal von vorne weiter.
Erst eine Minute später folgt dann der musikalische Geniestreich. Die zuvor aufgebaute Spannung wird endlich aufgelöst - aber erstmal nur zur Hälfte. Die eine Gitarre erlaubt sich eine unglaublich packende Melodielinie, derweil das Schlagzeug (zumindest gefühlt) noch brachialer in den Blastbeats alles zerlegt.
Danach folgt abermals eine Zäsur in Chaos und schier wahnwitzige Stakkatos. Die Stops sind alleine aus musikalischer Perspektive unglaublich versiert und geben der gefühlten akustischen Zerstörung nur weitere Tiefe.
Dieses Spiel zwischen dem ersten dissonanten teil, der kurzzeitigen Auflösung und abermaligen Verwendung musikalischem Chaos sind aber nur die Vorbereitung auf den genialen Wendepunkt in dem Lied, der bewusst mit einer deutlichen Pause an allen Instrumenten eingeleutet wird. Ab Minute 2:48 greifen Deathspell Omega die bereits zuvor präsentierte Harmonielinie (von 1:30) wieder auf, untermalen aber diesmal den Hintergrund deutlich gemäßigter und geben der Melodie dadurch mehr Raum zum wirken. Immer wieder drohen weitere Breaks einen Rückfall ins Chaos an. Aber auch hier arbeitet die Band mehr als geschickt und spielt einfach das Riff kontinuierlich und repetitiv, fast schon hypnotisch immer und immer wieder. Obwohl Deathspell Omega eigentlich für ihren unorthodoxen Ansatz an Black Metal bekannt und berühmt sind, bedienen sie sich einem klassischen Element des Genres.
Abseits von Songaufbau und der dissonanten Klanggestaltung, steht in diesem Schlusspart auch der Bass als prominentes Element im Soundbild. Prägnant, präsent und sehr wuchtig, ist es eigentlich eine Konterkarikatur des Instruments im Black Metal. So ist alleine die letzte Note im Song für mich ein Kunstwerk für sich. Es wirkt so willkürlich, wie ein falscher Stopp der Aufnahme, gibt dem gesamten aber genau die Attitüde, die menschliche Wendung, die das zuvor präsentierte, fast schon unmenschliche Chaos dem Hörer versöhnlich abrundet.
Wenn man die Struktur von “Wings Of Predation” isoliert betrachtet, erinnert mich der Song sehr stark an “Die Moldau” von Bedrich Smetana - wenngleich in einer sehr zeitgenössischen, modernen Variante. Beide Lieder werden von einem eindrucksvollen Thema getragen, entwickeln sich gleichermaßen immer dramatischer und finden ihren Höhepunkt nach einem wilden Fluss - sowohl sinnbildlich bei Smetana, aber auch vom Songfluss beider Stücke.